Pro Equo BW - Lokomotion (Fortbewegung)

Lokomotion (Fortbewegung)

Die große Bedeutung, die die Fortbewegung für die Pferde besitzt, spiegelt sich auch in einer starken Repräsentation in der Großhirnrinde wieder. Neben den Beinen spielen auch der Hals, das Rückrat, assoziierte Muskulatur und der Gleichgewichtssinn (im Innenohr) eine wichtige Rolle für die Fortbewegung des Pferdes. - Die Wirbelsäule der Pferde ist im Vergleich zu der vieler kleinerer Säugetiere relativ unflexibel und wölbt sich während des Galoppierens nur verhältnismäßig wenig nach oben. Sowohl die Wirbelsäule als auch die Gliedmaßen eines Pferdes sind auf gehende oder laufende Fortbewegung spezialisiert aber nicht für häufige, hohe Sprünge ausgelegt. Die "normalen" Gangarten des Pferdes spiegeln anatomische Merkmale wieder, zeichnen sich aber auch dadurch aus, dass normalerweise für jede Geschwindigkeit die jeweils energiesparendste Gangart eingesetzt wird.

Bei Stallpferden oder im Auslauf mit geklumpter Fütterung entfällt weitgehend auch die, unter natürlichen Bedingungen mit der Nahrungsaufnahme verbundene Fortbewegung. Hier ist Bewegung nicht nötig, um genügend Nahrung zu finden, und auch die Tränke ist meist mit wenigen Schritten zu erreichen. Während unter Weide -und Freilandhaltungen die tägliche Bewegung über den gesamten 24-Stunden-Tag verteilt ist und zu einem großen Teil im Schritt erfolgt, sehen die Verhältnisse bei einem typischen Stallpferd genau anders aus. Hier ist die Bewegung häufig auf eine kurze Zeit von ein bis zwei Stunden konzentriert. Andererseits ist in dieser Zeit der Anteil der schnellen Gangarten Trab und Galopp gegenüber dem Schritt meist drastisch erhöht. Nur die wenigsten Reiter nehmen sich die Zeit, längere Schrittreprisen einzulegen. Die Verteilung der Bewegung ist unter diesen Bedingungen daher, sowohl was die zeitliche Verteilung über den Tag angeht, als auch was das Verhältnis der verschiedenen Gangarten zueinander betrifft, sehr unnatürlich. In der kurzen Arbeitszeit legt ein Stallpferd oft mehr Kilometer zurück als die meisten Pferde unter Freilandbedingungen oder auf der Weide über den gesamten Tag. Konzentrierte Bewegung kann den Mangel an langsamer, über einen langen Zeitraum verteilten Fortbewegung jedoch nicht ausgleichen. Diese Form der Nutzung führt häufig zu einer falschen bzw. zu starken Belastung de Bewegungsapparates, was u.a. in dem großen Anteil von Lahmheiten an den Gesamterkrankungen bei Reitpferden (ca. 35%) deutlich wird. (Zeeb,1995)

Ist es nicht möglich, dem Pferd durch angemessene Arbeit (Reiten, Fahren, Longieren, o.ä.) genügend Bewegung (mit entsprechend hohem Schrittanteil) zu verschaffen, so muss durch Auslauf, Weidegang o.ä. für Ausgleich gesorgt werden. Mit dem immer noch häufig praktizierten "Stehtag" tut man einem Boxenpferd, das sowieso oft unter Bewegungsmangel leidet (zumindest zeit- nicht unbedingt kilometermäßig) mit Sicherheit keinen Gefallen. Auch das bei einigen Pferdehaltern verbreitete "Mal-kurz-laufen-lassen", bei dem das Pferd kalt und steif aus der Box in die Halle oder den Auslauf gebracht wird und dann für 10-20 Minuten herumgescheucht wird, ist nicht zu empfehlen. Hierbei ist die Gefahr von Verletzungen und Zerrungen besonders groß, außerdem dürfte durch diese Form der Bewegung weder das Bewegungsbedürfnis noch der Bewegungsbedarf des Pferdes zu decken sein.

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