Pro Equo BW - Verhaltensstörungen

Verhaltensstörungen

Die im Rahmen der Nutzung durch den Menschen auftretenden unerwünschten Verhaltensweisen oder "Untugenden" unterteilt Zeeb unter Berücksichtigung der Anpassungsfähigkeit der Tiere in zwei Kategorien:

1.Echte Verhaltensstörung mit Schadensfolge für die Tiere.
Der Schaden kann z.B. bestehen in einer Teilzerstörung von Organen (z.B. Abnutzung der Zähne beim Koppen und Barrenwetzen), in Funktionsstörungen (z.B. Koliken beim Koppen) oder inBeschädigungen (z.B. Hautverletzungen bei übermäßigem Scheuernoder bei Autoaggression).

2.Schadendsvermeidende Reaktionen im Sinne von Anpassungen an die Einwirkungen des Menschen.
Hierzu zählen: Scheuen, "Bösartigkeit", Zungenstrecken, Stetigkeit.

Neben den echten Verhaltensstörungen und schadensvermeidenden Reaktionen i.o.g.S. gibt es aber auch andere "auffällige Verhaltensweisen", die deutlich vom normalen Verhalten abweichen. Dies trifft z.B. auf viele Verhaltensweisen zu, die durch Konditionierung der Pferde entstanden sind, wie z.B. durch operantes Konditionieren entstandene "abergläubische" Verhaltensweisen, die häufiger vor oder bei Fütterungen zu beobachten sind. Viele Verhaltensstörungen entwickeln sich zunächst in speziellen Situationen, werden aber im weiteren Verlauf oft von der Ursprungssituation unabhängig und "verselbständigen" sich. Dies ist möglicherweise ein Hauptgrund für die oft sehr große Therapieresistenz einmal etablierter Verhaltensstörungen. Die Beseitigung des ursprünglichen Auslösers / der ursprünglichen Ursache reicht oft nicht aus, um die Störung zu vermindern oder gar aufzuheben. Verhaltensstörungen erscheinen i.a. zunächst funktionslos und sind z.T. sogar schädlich. Möglicherweise stellen sie aber eine Strategie des Tieres dar, mit Umweltbedingungen "fertig zu werden", die das normale Anpassungsvermögen überfordern. Verhaltensstörungen könnten eine Art "Ventilfunktion" für die Tiere haben, einige haben evtl. beruhigende Wirkung.

Stereotypien

Bei einer Stereotypie wird eine Verhaltensweise/Verhaltensfolge regelmäßig, in genau definierter Art und Weise wiederholt ausgeführt, ohne eine (erkennbare) Funktion zu haben. Hierzu zählen:. Koppen, Weben, Stall- und Zaun-Laufen oder exzessives Scharren.

Nicht selten scheinen einmalige Schockereignisse oder extreme Stress-Situationen eine Stereotypie auslösen zu können. Die Verhaltensstörungen Koppen oder Weben können in allen Altersstufen erstmalig auftreten und haben ihren Ursprung oft in einer außergewöhnlichen (stressigen) Situation. Das eigentliche Problem hierbei ist, dass häufig ein einziges Schlüsselereignis ausreicht, damit dieses Verhalten in Zukunft auch in anderen Situationen gezeigt wird. Meist scheint Erregung infolge äußerer Ereignisse auslösend zu wirken. Stereotypien haben in Konfliktsituationen möglicherweise so etwas wie eine "Ventilfunktion" für die Tiere.

Koppen

Beim Koppen schlucken die Pferde unter Zurückziehen des Kehlkopfes mittels der vorderen Halsmuskulatur mit und ohne Geräusch (Kopperton) Luft ab. Man unterscheidet zwei Koppformen:

1.Aufsetzkoppen oder Krippensetzen:
Hierbei setzen die Pferde die oberen Schneidezähne auf meist waagerechte Teile der Stalleinrichtung (Futtertrog) oder Koppelstangen auf.

2.Freikoppen oder Luftschnappen:
Bei dieser selteneren Form des Koppens erfolgt das Luftabschlucken ohne Aufsetzen der Schneidezähne.

Durch das Luftabschlucken kommt es zu einer Gasansammlung im Magen und Darm, wodurch sich das Risiko einer Kolik geringfügig erhöhen kann.
Weitere Folgen können mangelhafte Futterverwertung und Entwicklungsstörungen bei Fohlen sein. Werden die Schneidezähne auf hartem Materialien, wie z.B. Metall aufgesetzt, kann es zu einer übermäßigen Abnutzung der Schneidezähne (Koppergebiss) und vorzeitigem Zahnverlust kommen.

Zu frühes Absetzen von der Mutter oder Trainingsbeginn, zu scharfes Training, Stress-Situationen in der Jugendentwicklung, ungenügende Beschäftigung, Fütterungsfehler, schlechtes Stallklima und Ausbildungsfehler werden als wahrscheinliche Ursachen für Koppen angesehen.

Insgesamt scheint Erregung der Hauptauslösefaktor fürs Koppen zu sein. Die immer wieder geäußerte Vermutung, Pferde würden Koppen durch Imitation von Stallgenossen lernen, kann Zeeb (1995) nicht bestätigen, obwohl es häufiger vorkommt, dass in einem Stall nach und nach mehrere Pferde mit dem Koppen anfangen. Dies kann allerdings auch auf ein gehäuftes Auftreten der o.g. Ursachen in diesen Ställen zurückzuführen sein. Für die Therapie des Koppens sollte vor allem eine Verbesserung der Haltungsbedingungen vorgenommen werden. Wichtig sind ausreichende Beschäftigung mit dem Pferd und das Angebot größerer Raufuttermengen zur Beschäftigung und Befriedigung des Fressbedürfnisses.

Weben

Beim Weben steht das Pferd mit leicht gespreizten Vorderbeinen und pendelt mit Kopf und Hals rhythmisch von einer Seite zur anderen. Besonders bei exzessivem Weben können Folgeschäden im Bereich der Vorhand nicht ausgeschlossen werden. Ähnlich wie beim Koppen wird auch fürs Weben eine genetische Prädisposition angenommen. Weben tritt vor allem bei hoch im Blut stehenden Pferden auf. Oft beginnt es z.B. mit dem Absetzen, bei Trainingsbeginn, Umstellung in eine neue Umgebung oder nach stressigen Transporten.

Man kann davon ausgehen, dass es sich beim Weben um eine Ersatzhandlung für unzureichende Bewegung handelt. (Zeeb 1995). Nach bisherigen Erkenntnissen versuchen die Pferde über das Weben einen Spannungsabbau herbeizuführen.Eine Verbesserung lässt sich häufig durch Bewegung in Form von Arbeit, Auslauf und Weidegang, Verbesserung des Sozialkontaktes und ausreichende Gaben von Raufutter erreichen.
( aus: Manuskript "Ethologie des Pferdes" D. Groß-Götz)

Probleme im Umgang mit dem Pferd

"Bösartiges Verhalten von Pferden gegenüber dem Menschen, wie Beißen, Schlagen, An-die-Wand -Drücken und dergleichen, sind letztendlich immer als schadensvermeidende Reaktionen des Pferdes anzusehen.(Zeeb 1995)

Es ist die Folge von Angst und Schmerzen, die durch Fehler des Menschen im Umgang, bei der Ausbildung und Nutzung des Pferdes entstanden sind. Allerdings neigen einige Pferde aufgrund angeborener Disposition vermehrt dazu, durch fehlerhaften Umgang "bösartig" zu werden. Meist reagieren Pferde, die gute Anlagen im Sinne von Hochleistung besitzen, empfindlicher auf menschliches Fehlverhalten als Durchschnittspferde.

Pferde, die durch menschliches Versagen zu sog. "Verbrechern" geworden sind, können nur durch großes Einfühlungsvermögen des Betreuers korrigiert werden. Sehr wichtig ist es, ein solides Vertrauensverhältnis zwischen Pferd und Mensch aufzubauen. Dies kann ein sehr langwieriger Prozess sein, der viel Geduld erfordert. Aber nur, wenn das Pferd Vertrauen zu dem Menschen hat, sieht es sich nicht immer wieder genötigt, mit schadensvermeidenden Reaktionen auf den Menschen zu reagieren. In diesen Fällen ist eine Korrektur durch Strafe und Gewalt grundsätzlich falsch und verschlimmert die Situation oft nur noch.

Häufiges Schnappen oder Beißen kann aber auch auf Nachlässigkeiten in der Erziehung zurückzuführen sein oder durch ständiges, grundloses Füttern von Leckerbissen gefördert werden. In diesen Fällen hat das Pferd i.a. Vertrauen zu dem Menschen, akzeptiert diesen aber nicht durchweg als ranghöheren Partner. Hier kann angemessene und konsequente Bestrafung sinnvoll sein. Auch spielerisches Kneifen des Pferdes sollte von Anfang an konsequent unterbunden werden. Unter Pferden ist Kneifen eine oft im Spiel gezeigte Verhaltensweise, sie können aber schnell lernen, dass der Mensch diese Form von Spiel nicht schätzt.

Schlagen wird besonders häufig als Abwehrreaktion bei einer Annäherung von hinten gezeigt. Nähert man sich einem Pferd von hinten, kann es sein, dass man sich in der blinden Zone befindet. Um ein abwehrendes Schlagen infolge einer Schreckreaktion zu vermeiden, sollte man das Pferd durch vorheriges Ansprechen aufmerksam machen. Schlagen kann aus Angst gezeigt werden, aber ebenso wie Beißen auch auf Rangordnungsprobleme hinweisen. Ist Angst die Ursache, muss diese reduziert und ein Vertrauensverhältnis aufgebaut werden. Bei Rangordnungsproblemen muss der Mensch seine höhere Position klarstellen.
Scheuen ist als schadensvermeidende Reaktion anzusehen und auf die Spezialisierung des Pferdes zum Fluchttier zurückzuführen. Pferde scheuen, wenn ihnen ein Gegenstand oder eine Situation gefährlich erscheint. Nicht pferdegemäße Haltungsbedingungen und reizarme Umwelt, z.B. ständige Haltung in dunklen oder stark isolierenden Boxen und fehlerhafte Einwirkung des Reiters (z.B. zu kurze Zügel..) verhindern einen ausreichenden Einsatz der Sinnesorgane und fördern das Scheuverhalten. Auch Angst vor den Einwirkungen des Reiters, z.B. in Form zu starker Anwendung des Gebisses oder der Peitsche, können ein Pferd zum Scheuen veranlassen.

Ein ängstlicher Reiter kann ebenfalls bewirken, dass das Pferd schneller scheut, da die meisten Pferde sehr sensibel auf Verspannungen des Menschen reagieren. Es ist wichtig, dass das Pferd Vertrauen zum Menschen und dessen Einwirkungen hat. Es ist auf Dauer nicht sinnvoll, ein sehr ängstliches Pferd, das häufig scheut, von allen furchteinflößenden Dingen fernzuhalten. Besser ist es, durch Gewöhnung und positive Verstärkung das Pferd langsam mit furchteinflößenden Situationen und Gegenstände vertraut zu machen. Will man ein Pferd z.B. im Gelände an bestimmte Situationen gewöhnen, ist es sinnvoll, sich dafür geeignete Stellen auszuwählen. Es ist von Vorteil, wenn das Pferd zwar mit dem entsprechenden Objekt konfrontiert wird, andererseits aber auch gefahrlos ein paar Sätze machen kann. Ungünstig ist es z.B., ein ängstliches Pferd an Kühe gewöhnen zu wollen, wenn es dabei auf einem rutschigen Asphaltweg gehen muss, der auf beiden Seiten von Stacheldrahtzäunen, Gräben oder Straßen umgeben ist.
In vielen Fällen wirkt sich die Anwesenheit eines erfahrenen, ruhigen Artgenossen sehr positiv auf ein ängstliches Pferd aus. Will man an einem furchteinflößenden Objekt vorbei, ist es oft das Beste, das ruhige Tier von Anfang an vorgehen zu lassen. Sonst kann es z.T. vorkommen, dass auch das eigentlich ruhige Pferd anfängt zu scheuen, wenn das andere unruhig wird. Wichtig ist es auch, dem scheuenden Tier genügend Zeit beim Erkunden zu lassen. Bei zu forciertem Herantreiben an ein vermeintlich gefährliches Objekt steigern sich die Pferde oft noch mehr in ihre Angst hinein. Nicht immer scheuen Pferde nur vor Dingen, die ihnen wirklich Angst machen. Unausgelastete Pferde scheuen meist schneller als gut ausgelastete.

Verhaltensstörungen sind weitestgehend an künstliche, stark einschränkende und unnatürliche Haltungsbedingungen geknüpft. Die beste Vorbeugung ist daher eine Haltung, die in ihrem Reizspektrum und ihren Merkmalen den natürlichen Verhältnissen möglichst nahe kommt. Für Pferde bedeutet das insbesondere ein ausreichendes Angebot an Raufutter (und damit Nahrungsaufnahme über eine lange Zeit), ausreichender Sozialkontakt, Erkundungs-, und Bewegungsmöglichkeit, abwechslungsreiche Umgebung und Beschäftigung.
(Quelle: Manuskript Frau Groß-Götz)

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