Pro Equo BW - innesleistungen und Wahrnehmung

Sinnesleistungen und Wahrnehmung

Die Kenntnis wie ein Tier seine Umwelt wahrnimmt und das Wissen um die Unterschiede zur menschlichen Wahrnehmung sind deshalb sehr wichtig, um das Verhalten und die Reaktionen eines Tieres verstehen und auch eher vorhersagen zu können.

Sehvermögen

Pferde sind stark optisch orientiert und verfügen über einen sehr gut entwickelten Gesichtssinn. Die Augen des Pferdes die zu den größten im Tierreich gehören sind hoch und seitlich am Kopf angeordnet. Jedes Auge hat ein Sehfeld von durchschnittlich 190° . Die gesamte Konstruktion des Sehapparates führt dazu, dass das Pferd ein sehr weites Gesichtsfeld hat, das ihm, ohne den Kopf zu bewegen eine fast komplette Rundumsicht von ca. 340° ermöglicht. Dem Pferd ist es daher möglich, während des Grasens die Bewegungen von Artgenossen oder Feinden in der Umgebung zu registrieren, ohne dafür das Fressen ständig unterbrechen zu müssen. Nur direkt hinter und - bei erhobenem Kopf - unmittelbar vor dem Pferd befinden sich relativ kleine blinde Zonen. Diese können aber durch leichte Pendelbewegungen des Kopfes abgedeckt werden. Der "Weitwinkelblick" der Pferde geht allerdings auf Kosten des räumlichen Sehens. Das räumliche Sehen des Pferdes ist nicht so gut ausgebildet wie das des Menschen. Dem Pferd fällt deswegen auch das Abschätzen von Entfernungen schwerer. Durch Kopfbewegungen, Verdrehen der Augen oder Schräghalten des Kopfes können sie dies jedoch weitgehend ausgleichen. Die größte Sehschärfe besitzt das Pferd im zentralen Bereich seines Gesichtsfeldes. Je weiter sich ein Objekt in der Peripherie des Gesichtsfeldes befindet, umso unschärfer wird es. Im Randbereich werden überwiegend Bewegungen erkannt, welche aber das Pferd dazu veranlassen können, seinen Kopf in die entsprechende Richtung zu drehen und das Objekt genauer zu betrachten. Pferde machen daher, wenn sie sich vor etwas erschrecken, häufig zunächst einen oder wenige Sätze von der vermeidlichen Gefahr weg, drehen sich anschließend aber um, sichern in Richtung der Reizquelle und erkunden diese im folgenden oft genauer. Je weiter ein betrachtetes Objekt entfernt ist, umso höher heben die Pferde ihren Kopf. Dadurch entsteht aber direkt vor ihnen ein toter Winkel. Dies kann dazu führen dass ein Pferd über ein kleines Hindernis stolpert, obwohl es direkt vor ihm liegt. Zur Vermeidung unnötiger Missverständnisse im Umgang mit Pferden sollte man daher grundsätzlich - insbesondere aber beim Springen oder unbekannten Objekten - auf genügende "Kopffreiheit" des Pferde zu achten. Denn nur dann ist es dem Pferd möglich seine Umgebung deutlich wahrzunehmen. Die auch nachts aktiven Pferde verfügen über ein gutes Dämmerungssehen. Die Adaption (Anpassung) der Augen an sich verändernde Lichtverhältnisse dauert aber offensichtlich länger als beim Menschen. Im natürlichen Lebensraum des Pferdes war es auch nicht erforderlich dass sich das Auge schnell an wechselnde Lichtverhältnisse anpassen konnte. In der Steppe erfolgte der Wechsel von hell zu dunkel bei Sonnenaufgang bzw. Sonnenuntergang immer allmählich, so dass eine langsame Adaption völlig ausreichend war. Es ist daher nicht verwunderlich dass Pferde häufig Orientierungsprobleme haben bzw. besonders schreckhaft sind, wenn sie z.b. aus der Dunkelheit plötzlich in einen hellen Stall kommen oder umgekehrt. Auch auf Ausritten dürften Pferde z.b. durch helle Straßenlaternen oder Autoscheinwerfer wesentlich stärker geblendet werden als Menschen. Pferde können gleich dem Menschen die Hauptfarben Gelb, Grün, Blau und ,Rot in verschiedenen Intensitätsstufen sehen und von entsprechenden Grautönen unterscheiden. Am Besten ist das Farbsehen dabei im Gelb -und Grünbereich ausgebildet, schlechter dagegen im Blau -und Rotbereich.

Gehörsinn

Vergleicht man Pferde mit Menschen, so können beide die meisten Töne ebenso hören wie der andere. Pferde hören aber hohe Frequenzen besser als Menschen, tiefe Frequenzen dagegen schlechter. Die Empfindlichkeit im optimalen Bereich ist bei Pferden etwas geringer als beim Menschen, d.h. sie hören Töne dieser Frequenzen erst ab einer etwas größeren Lautstärke. Durch ihre großen, trichterförmigen Ohren, die getrennt voneinander und sehr differenziert jeweils um etwa 180° gedreht werden können, können Pferde aber wesentlich mehr Geräusche auffangen und deren Herkunft besser lokalisieren als Menschen. Es kommt daher häufig vor, dass ein Pferd ein Geräusch wahrnimmt und evtl. erschrickt, obwohl der Mensch nichts gehört hat. Stuten können ihre Fohlen an der Stimme erkennen und auch die anderen Mitglieder einer Gruppe scheinen sich individuell an der Stimme unterscheiden zu können. Im Umgang mit dem Menschen können Pferde verschiedene gesprochene Kommandos erlernen. Die Fähigkeit der Pferde, auch Töne im Ultraschallbereich zu hören, sollte u. U. auch bei der Verwendung bestimmter, auf dem Markt befindlicher Geräte zur Abwehr von Nagetieren berücksichtigt werden. Diese arbeiten nämlich z.T. mit, für den Menschen nicht wahrnehmbarem Ultraschall. Da Nager aber ein wesentlich empfindlicheres Gehör haben als Pferde, hängt es von der Lautstärke ab, ob die Pferde diese Töne wahrnehmen können oder nicht.

Geruchssinn

Die für das "normale" Riechen zuständigen Sinneszellen befinden sich in der Riechschleimhaut des Nasengrundes. Die Ausdehnung der Riechschleimhaut und die Zahl der Rezeptorzellen sind ausschlaggebend für das Riechvermögen von Tieren. Hunde haben einen sehr empfindlichen Geruchssinn. Menschen verfügen dagegen nur über ein relativ schlechtes Riechvermögen. Das Riechvermögen der Pferde liegt wie das der meisten anderen Nutztiere zwischen diesen beiden Extremen, ist aber in jedem Fall wesentlich schärfer als das des Menschen, so dass es vermutlich auch zur Fernorientierung genutzt werden kann. (z.B. beim Wittern) Gerüche, die der menschlichen Nase vielfach entgehen, spielen für die Pferde im Sozialverhalten, bei der Feindvermeidung und bei der Nahrungsaufnahme, eine wichtige Rolle.

Der Geschmacksinn

Der Geschmackssinn steht in engem Zusammenhang mit dem Geruchssinn.
Viele "Geschmacksempfindungen" werden als Geruchsreize über die Nase aufgenommen. Pferde können ebenso wie der Mensch die vier Geschmacksrichtungen süß, sauer, salzig, und bitter unterscheiden.
Bittere Futtermittel werden i.d.R. ungern gefressen, die meisten Pferde bevorzugen sowohl süßes als auch leicht salziges Futter.

Gut ausgebildete Geruchs -und Geschmackssinne sind in Kombination mit dem Tastsinn auch bei der Nahrungsaufnahme sehr wichtig. Die weit verbreitete Ansicht "die Pferde wüssten instinktiv was gut zum Fressen ist und was nicht", trifft nämlich leider nicht zu. Zwar werden viele giftige Pflanzen von vornherein nicht gefressen oder nach der Aufnahme geschickt wieder aus dem Maul aussortiert, dies liegt aber vermutlich daran, dass diese häufig stark riechende und/oder schlecht schmeckende Inhaltsstoffe enthalten. (Repellenwirkung) Viele Giftpflanzen verlieren beim Trocknen ihren schlechten Geschmack und werden im Heu mitgefressen. Nicht immer geht aber mit dem Verlust der Repellenwirkung auch ein Verlust der Giftigkeit einher. Zu den Pflanzen, die auch im Heu noch giftig sind gehören z.b. die Herbstzeitlose, das Adonisröschen, der Adlerfarn und der Sumpfschachtelhalm. Auch bei Ausritten, wenn die Pferde im Vorbeigehen an Pflanzen fressen, ist die Gefahr der Aufnahme giftiger Pflanzen stark erhöht, da die sonst übliche Geruchs - oder Geschmacksprüfung unterbleibt.

Tastsinn

Pferde können auf fast der gesamten Körperoberfläche Berührungsreize wahrnehmen, was z.B. an ihrer Reaktion auf landende o. krabbelnde Insekten zu erkennen ist. Besonders gut ausgebildet ist der Tastsinn an Maul, Nüstern und Augen, wo sich spezielle Tasthaare befinden. Auch die Ohren zeichnen sich durch große Empfindlichkeit für Berührungsreize aus. Die Hufe sind relativ unempfindlich und nicht zum feinen Tasten geeignet. Die große Sensibilität der Lippen ist neben dem Geruchs- und Geschmackssinn für eine selektive Futteraufnahme von großer Bedeutung und wird z.b. deutlich, wenn man beobachtet, wie genau Pferde selbst winzige Steine aus dem Hafer sortieren können. Die langen Tasthaare am Kinn, Nüstern und Augen helfen dem Pferd den direkten Kontakt zu Gegenständen (Boden, Futterkrippe etc.) zu erfühlen.und sind so im unmittelbaren Gesichtsbereich ein so zusätzlicher "Augenersatz".

Von daher ist es unverständlich, dass manche Züchter zu Veranstaltungen ihren edlen Pferden nicht nur den Kopf scheren, sondern auch noch die Tasthaare abscheren.

Schmerzsinn

Schmerzwahrnehmung ist notwendig für die Erkennung und Vermeidung schädigender Reize und erfüllt somit eine wichtige Schutzfunktion für den Organismus. Die für die Schmerzempfindung zuständigen Schmerzrezeptoren sind nicht auf spezielle Sinnesorgane konzentriert, sondern über den gesamten Körper verteilt. Die Anzahl der Schmerzrezeptoren in den einzelnen Geweben und Organen ist jedoch unterschiedlich. Besonders schmerzempfindlich sind z.b. die Gelenkkapseln und die Knochenhaut, schmerzunempfindlich sind dagegen das Zentralnervensystem und die Leber. Das Schmerzempfinden der Pferde reicht von leichtem Unwohlsein bis hin zu starken Schmerzen.

Mögliche Anzeichen von Schmerzen können sein:
Schwitzen, verminderte Nahrungsaufnahme, Zittern, erhöhter Puls, verstärkte Atmung, Lautäußerungen (Stöhnen) oder besondere Körperhaltung (z.B. Lahmheit) Pferde haben außerdem typische Schmerzgesichter, die (nach Schäfer) an folgenden Merkmalen erkannt werden können: Kein Ohrenspiel, verschmälerte Nüstern, angespannte Gesichtsmuskulatur, "kleine" Augen, stumpfer nach innen gekehrter Blick und nach unten gezogene Unterlippe.

Die Reaktion des Pferdes auf Schmerzen hängt neben der Schmerzintensität auch von der jeweiligen Situation ab. In Stresssituationen ist die Reaktion auf Schmerzen vermindert. Noch offensichtlicher als bei Haustieren wird dieses Verhalten bei Wildtieren, für die es lebenswichtig sein kann, sich den Schmerz in bestimmten Situationen nicht "anmerken" zu lassen. Lediglich bei extrem starken Schmerzen reagieren Pferde nur noch wenig oder gar nicht mehr auf andere Reize. Im Umgang mit dem Pferd ist es für den Menschen sehr wichtig zu erkennen, wann dieses Schmerzen hat. Nur dann kann er das Verhalten (z.B. Widersetzlichkeit) des Tieres verstehen und die Ursache der Schmerzen beheben.
(Quelle: Manuskript Frau Groß-Götz)

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