Pro Equo BW - Probleme im Umgang mit dem Pferd

Probleme im Umgang mit dem Pferd

"Bösartiges Verhalten von Pferden gegenüber dem Menschen, wie Beißen, Schlagen, An-die-Wand -Drücken und dergleichen, sind letztendlich immer als schadensvermeidende Reaktionen des Pferdes anzusehen.(Zeeb 1995)

Es ist die Folge von Angst und Schmerzen, die durch Fehler des Menschen im Umgang, bei der Ausbildung und Nutzung des Pferdes entstanden sind. Allerdings neigen einige Pferde aufgrund angeborener Disposition vermehrt dazu, durch fehlerhaften Umgang "bösartig" zu werden. Meist reagieren Pferde, die gute Anlagen im Sinne von Hochleistung besitzen, empfindlicher auf menschliches Fehlverhalten als Durchschnittspferde.
Pferde, die durch menschliches Versagen zu sog. "Verbrechern" geworden sind, können nur durch großes Einfühlungsvermögen des Betreuers korrigiert werden. Sehr wichtig ist es, ein solides Vertrauensverhältnis zwischen Pferd und Mensch aufzubauen. Dies kann ein sehr langwieriger Prozess sein, der viel Geduld erfordert. Aber nur, wenn das Pferd Vertrauen zu dem Menschen hat, sieht es sich nicht immer wieder genötigt, mit schadensvermeidenden Reaktionen auf den Menschen zu reagieren. In diesen Fällen ist eine Korrektur durch Strafe und Gewalt grundsätzlich falsch und verschlimmert die Situation oft nur noch.

Häufiges Schnappen oder Beißen kann aber auch auf Nachlässigkeiten in der Erziehung zurückzuführen sein oder durch ständiges, grundloses Füttern von Leckerbissen gefördert werden. In diesen Fällen hat das Pferd i.a. Vertrauen zu dem Menschen, akzeptiert diesen aber nicht durchweg als ranghöheren Partner. Hier kann angemessene und konsequente Bestrafung sinnvoll sein. Auch spielerisches Kneifen des Pferdes sollte von Anfang an konsequent unterbunden werden. Unter Pferden ist Kneifen eine oft im Spiel gezeigte Verhaltensweise, sie können aber schnell lernen, dass der Mensch diese Form von Spiel nicht schätzt.
Schlagen wird besonders häufig als Abwehrreaktion bei einer Annäherung von hinten gezeigt. Nähert man sich einem Pferd von hinten, kann es sein, dass man sich in der blinden Zone befindet. Um ein abwehrendes Schlagen infolge einer Schreckreaktion zu vermeiden, sollte man das Pferd durch vorheriges Ansprechen aufmerksam machen. Schlagen kann aus Angst gezeigt werden, aber ebenso wie Beißen auch auf Rangordnungsprobleme hinweisen. Ist Angst die Ursache, muss diese reduziert und ein Vertrauensverhältnis aufgebaut werden. Bei Rangordnungsproblemen muss der Mensch seine höhere Position klarstellen.
Scheuen ist als schadensvermeidende Reaktion anzusehen und auf die Spezialisierung des Pferdes zum Fluchttier zurückzuführen.
Pferde scheuen, wenn ihnen ein Gegenstand oder eine Situation gefährlich erscheint. Nicht pferdegemäße Haltungsbedingungen und reizarme Umwelt, z.B. ständige Haltung in dunklen oder stark isolierenden Boxen und fehlerhafte Einwirkung des Reiters (z.B. zu kurze Zügel..) verhindern einen ausreichenden Einsatz der Sinnesorgane und fördern das Scheuverhalten. Auch Angst vor den Einwirkungen des Reiters, z.B. in Form zu starker Anwendung des Gebisses oder der Peitsche, können ein Pferd zum Scheuen veranlassen.
Ein ängstlicher Reiter kann ebenfalls bewirken, dass das Pferd schneller scheut, da die meisten Pferde sehr sensibel auf Verspannungen des Menschen reagieren. Es ist wichtig, dass das Pferd Vertrauen zum Menschen und dessen Einwirkungen hat. Es ist auf Dauer nicht sinnvoll, ein sehr ängstliches Pferd, das häufig scheut, von allen furchteinflößenden Dingen fernzuhalten. Besser ist es, durch Gewöhnung und positive Verstärkung das Pferd langsam mit furchteinflößenden Situationen und Gegenstände vertraut zu machen. Will man ein Pferd z.B. im Gelände an bestimmte Situationen gewöhnen, ist es sinnvoll, sich dafür geeignete Stellen auszuwählen. Es ist von Vorteil, wenn das Pferd zwar mit dem entsprechenden Objekt konfrontiert wird, andererseits aber auch gefahrlos ein paar Sätze machen kann. Ungünstig ist es z.B., ein ängstliches Pferd an Kühe gewöhnen zu wollen, wenn es dabei auf einem rutschigen Asphaltweg gehen muss, der auf beiden Seiten von Stacheldrahtzäunen, Gräben oder Straßen umgeben ist.
In vielen Fällen wirkt sich die Anwesenheit eines erfahrenen, ruhigen Artgenossen sehr positiv auf ein ängstliches Pferd aus. Will man an einem furchteinflößenden Objekt vorbei, ist es oft das Beste, das ruhige Tier von Anfang an vorgehen zu lassen. Sonst kann es z.T. vorkommen, dass auch das eigentlich ruhige Pferd anfängt zu scheuen, wenn das andere unruhig wird. Wichtig ist es auch, dem scheuenden Tier genügend Zeit beim Erkunden zu lassen. Bei zu forciertem Herantreiben an ein vermeintlich gefährliches Objekt steigern sich die Pferde oft noch mehr in ihre Angst hinein. Nicht immer scheuen Pferde nur vor Dingen, die ihnen wirklich Angst machen. Unausgelastete Pferde scheuen meist schneller als gut ausgelastete.
Verhaltensstörungen sind weitestgehend an künstliche, stark einschränkende und unnatürliche Haltungsbedingungen geknüpft. Die beste Vorbeugung ist daher eine Haltung, die in ihrem Reizspektrum und ihren Merkmalen den natürlichen Verhältnissen möglichst nahe kommt. Für Pferde bedeutet das insbesondere ein ausreichendes Angebot an Raufutter (und damit Nahrungsaufnahme über eine lange Zeit), ausreichender Sozialkontakt, Erkundungs-, und Bewegungsmöglichkeit, abwechslungsreiche Umgebung und Beschäftigung. (Quelle: Manuskript Frau Groß-Götz)

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