Pro Equo BW - Flucht und Fluchtdistanzen

Flucht und Fluchtdistanzen

Das Ausmaß und die Geschwindigkeit der Flucht werden stark von der Erfahrung der Tiere, der Nähe und Intensität des Reizes und dem Grad des Überraschungseffektes bestimmt. In den allermeisten Fällen erfolgt der Rückzug oder die Flucht geordnet und an die jeweilige Situation angepasst.

Bei plötzlich auftretenden Reizen erfolgt i.a. zunächst eine reflexartige Schreckreaktion: Das Pferd reißt den Kopf hoch und springt mit einem oder mehreren Sätzen von der Reizquelle weg, dreht sich dann um und sichert. Das weitere Verhalten hängt von der jeweiligen Situation ab. Weniger aufregende Reize werden i.d.R. im Schritt gemieden. Bei größerer Beunruhigung erfolgt schnellere Flucht meist im Trab, seltener im Galopp.

Die Schreckhaftigkeit von Pferden ist individuell verschieden und vermutlich sowohl erblich bedingt als auch erfahrungsabhängig. Trotz der zunächst meist großen Fluchtbereitschaft der Pferde gegenüber neuen Reizen können sie sich bei wiederholter Darbietung an sehr verschiedene und auch an plötzlich auftretende Reize gewöhnen, solange sie keine negativen Erfahrungen damit verbinden (Waring,1983).
Laut Schäfer (1993) lösen vor allem optische Reize Flucht bei Pferden aus. Akustische oder olfaktorische (geruchliche) Reize können zwar die Aufmerksamkeit wecken oder auch kurzfristig erschreckend wirken, führen aber ohne Verbindung mit einem visuellen Reiz nur selten zur Flucht.

Die oben geschilderte Schreck -und Fluchtreaktion von Pferden bei plötzlichen Reizen ist in ihrem natürlichen Lebensraum sinnvoll und hat sich im Laufe der Evolution bewährt. Mit nicht zu großem Energieaufwand wird erst einmal ein gewisser Sicherheitsabstand hergestellt, aus dem heraus entweder Erkundung oder bei Bedarf auch weiter Flucht erfolgen kann. In der heutigen, stark vom Menschen geprägten Umwelt der meisten Hauspferde sieht das allerdings oft anders aus. Hier bringt sich ein Pferd häufig erst durch die Flucht vor einer vermeintlich gefährlichen, in Wirklichkeit aber völlig harmlosen Sache, in wirkliche Gefahr. So z.B., wenn es auf der Flucht vor einem Papierschnipsel oder einer flatternden Tüte in einen Graben oder Zaun springt. Besonders gefährlich wird es bei panischer Flucht, bei der die Pferde nicht nur Menschen und kleinere Gegenstände umrennen, sondern ebenso blindlings in Autos, Wände, Abgründe o.ä. rasen können (Schäfer, 1993). Gegenüber dem Menschen tritt Meideverhalten zum Zwecke der Schadensvermeidung in drei verschiedenen Distanzbereichen auf (nach Zeeb, 1984):

Flucht-, Ausweich- und Kritische Distanz

Die Fluchtdistanz ist der Abstand, bei dem das Tier die Flucht ergreift, wenn es einen Menschen wahrnimmt.

Die Ausweichdistanz ist die Entfernung, bei der das Pferd den Menschen in einem Bogen umrundet und erkundet. Der Radius dieses Bogens ist je nach Gewöhnungsgrad an den Menschen verschieden groß. Bewegt sich der Mensch auf das Pferd zu, so weicht es unter Einhaltung dieser Distanz zurück.

Der grundsätzliche Unterschied zwischen Flucht und Ausweichen besteht nach Zeeb darin, dass das Pferd bei der Flucht geradewegs vom Menschen wegstrebt, während es diesen beim Ausweichen umrundet.

Die kritische Distanz ist die Entfernung, bei der das Tier den Menschen angreift, wenn Flucht nicht möglich ist. Ähnlich wie auf den Menschen treffen die Begriffe Flucht-, Ausweich- und kritische Distanz auch in bezug auf andere Reizquellen (Pferde, andere Tiere, Objekte) zu. Wie groß die Entfernung im Einzelnen ist, hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab, so z.B. von der Erfahrung der Tiere, Gewöhnung, Umweltbedingungen u.s.w..
(Manuskript Frau Groß-Götz)

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