Pro Equo BW - Artgerechte Haltung

Das Reiten der Unbelehrbaren

Das gibt es leider gar nicht so selten. Da treibt irgendein nichtiger Grund einen Menschen, der vorher nie eine Verbindung zum Pferd hatte, dazu sich einmal auf so ein Tier zu setzen. Er findet Gefallen daran. Nach verhältnismäßig kurzer Übungszeit ist er aus den gröbsten Anfängerschwächen heraus, und er sieht mit Wohlgefallen und Stolz sein Bild im Spiegel der gedeckten Reitbahn. Beim Ausreiten erlebt er, wie erhabend es ist, die Welt von oben über die Köpfe der Mitbürger hinweg zu sehen.

Wie froh könnte er die Stunden im Sattel genießen, wenn er sich damit zufrieden gäbe. Aber bald will er sich nicht mehr damit begnügen, von einem braven Pferd spazieren getragen zu werden, er will sein Pferd reiten, so wie er es bei anderen sieht. Und damit fängt das große Unglück an, die Quelle des Missvergnügens versiegt nicht mehr. Denn er nimmt sich nicht die Zeit und hat auch nicht den Willen, mit der Grundschule zu beginnen, er kann sie auch gar nicht übersehen. Vielmehr versucht er, hier etwas zu hören, dort etwas abzugucken. Wie er dann aber sein armes Tier mit einer solchen Auslese dilettantischer Versuche, die zwischen Zagen und Gewalttätigkeit schwanken, überfällt, das zu sehen, kann das Mitleid des Zuschauers mit der Kreatur wecken. Und dabei darf man dem Reiter gar keinen Vorwurf machen, denn er liebt sein Pferd ehrlich, er weiß nur nicht, was er tut. Der Kampf hört nicht mehr auf. Der unglückliche Reiter tröstet sich schließlich mit dem vermeintlichen Nutzen körperlicher Ausarbeitung, aber es geht doch jeden Tag, mit sich und seinem gemarterten, eigensinnig gewordenen Pferd unzufrieden, bedrückt nach Haus.

Er kann erst wieder froh werden, wenn er über das Lernen den Weg zum Wissen, welches dem Können vorangehen muss, findet. Dann wird er auch mit dem Herzen dabei sein und - ganz gleich, ob er einfach nur reiten will, sport- oder kunstbeflissen ist - von selbst den Weg zur Harmonie, zur Schönheit, zur Ästhetik finden und wird auch sein Ziel und seine Grenzen kennen.

Die Schar der Unbelehrbaren wird sich nie wesentlich verkleinern. Es dürfen sich zu ihnen ganz allgemein auch die Reiter aller Altersklassen rechnen, die Glauben, sie könnten etwas, was sie in Wahrheit nicht wissen, und die deshalb von einer Lehre in die andere, von einem Reitlehrer zu anderen überwechseln, ohne jemals auf den Gedanken zu kommen, ihr eigenes Können mit der gleichen Hingebung so kritisch unter die Lupe zu nehmen, wie die Schwächen der Kameraden.
(aus Vollendete Reitkunst von Udo Bürger 1975)

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