Pro Equo BW - Und vielleicht doch ein eigenes Pferd?

Und vielleicht doch ein eigenes Pferd?

Als Kinder haben wir früher den halben Tag im Reitstall verbracht und schon durch zuschauen und nachahmen viel über den Umgang mit Pferden gelernt. Das kann ich aus eigener Erfahrung sagen. Wir lernten den Umgang mit Pferden aber nicht vom Reitlehrer, sondern durch Versuch und Irrtum.

Ob das Erlernen durch Versuch und Irrtum im Sinne der Pferde war, möchte ich doch in Frage stellen. Schon damals waren wir nur eine kleine Gruppe von Jugendlichen, die fast täglich im Stall war und so den Umgang mit dem Pferd lernen konnte.

Und so ist es heute noch, es sind immer nur ein paar Kinder, die man ständig im Stall antrifft. Der Großteil der Kinder hat heute allerdings so viele Hobbys und Termine, dass der Reitsport nur noch zeitlich begrenzt wahrgenommen wird. Das heißt: sie kommen kurz vor der Reitstunde und werden nach der Reitstunde unverzüglich zum nächsten Freizeittermin gefahren. Es besteht keinerlei Interesse am Pferd nur am Reiten selbst. Viele dieser Kinder haben nicht einmal kindgerechte Fachbücher über Pferdepflege und Haltung. Wenn sie überhaupt ein Pferdebuch besitzen, ist es meist eins über Pferderassen, das sie von den Eltern zum Geburtstag geschenkt bekamen. Die Eltern können gar nicht nachvollziehen, dass zum Reiten mehr gehört, als auf dem Pferd zu sitzen. Pferde putzen, ausmisten etc. gehört für die Eltern meist wirklich zu den Aufgaben, die besser der Pferdepfleger erledigt. Nach Jahren des im Kreis herum reiten, wissen die Reitschüler über den Umgang mit Pferden so viel wie vor sechs Jahren, auch wenn sie jetzt in der fortgeschrittenen Stunde reiten.. Die Ironie bei dem Ganzen ist, dass der Jugendliche und dessen Eltern davon überzeugt sind, dass er reiten kann. Nun möchte dieser Jugendliche ein Pferd, und die Eltern beraten sich mit dem Reitlehrer. Was soll der Reitlehrer sagen? Dass das Kind noch nicht so weit ist, um ein Pferd selbständig zu versorgen? Die Eltern wären entsetzt, haben sie doch jahrelang viel Geld für die Reitstunden bezahlt . Auch müsste der Reitlehrer zugeben, dass die Reitstunde eigentlich nur das Vergnügen auf einem Pferd zu sitzen beinhaltet. Für Theoriestunden, unter anderem auch das Putzen und Satteln zu vermitteln hatte er keine Zeit. Nachdem die Mutter den Jugendlichen schon immer sofort nach der Reitstunde abgeholt hatte, ist selbst ein Erlernen des Umganges mit Pferden auch unter Gleichgesinnten einfach nicht möglich! Dennoch, der Reitverein hat gerade einige Boxen frei, weil einige Pferdebesitzer in einen neuerstellten Privatstall gezogen sind, in dem Paddockboxen angeboten werden, und so stimmt er den Eltern zu, dem Kind ein eigenes Pferd zu kaufen. Da der Jugendliche aber gar nicht gelernt hat, wie oft ein Pferd bewegt werden muss, dass es auch auf die Koppel will und zwischendurch auch longiert werden kann, steht sich das Pferd die Beine in den Bauch.

In jedem Stall, Privatstall oder Reitverein steht zumindest ein Pferd, auf das die obige Geschichte zutrifft.

Alle Pferdebesitzer haben Mitleid mit dem armen Tier und können nichts dagegen machen, denn solange das Pferd gut genährt in einer sauberen Box steh, kann der Amtstierarzt nicht eingreifen, und dem Stallbesitzer ist es meist egal, schließlich hat er mit so einem Laien keinen Ärger. Er wird sich weder wegen der schlechten Futterqualität noch über den staubigen Hallenboden beschweren, weil er gar nicht weiß, welche Bedürfnisse ein Pferd hat, und er auch zu selten im Stall ist. Dem Heranwachsenden kann man gar keinen Vorwurf machen, wohl aber den Eltern, dem Reitlehrer und dem ganzen System der Reitschulen, die eine unzureichende Ausbildung anbieten.

Noch extremer sind die Erwachsenen, die sich ihren Kinderwunsch endlich selbst erfüllen und in ignoranterweise jeglichen Unterricht ablehnen und behaupten, den Umgang und das Reiten kann man auch im Zuge des eigenen Pferdes lernen.

Wie die Pferdehaltung und der Reitstil dieser Leute aussieht, können Sie sich selbst vorstellen. Obwohl sich die Leute ihren Kindheitswunsch erfüllen, wird es für die Pferde zum Alptraum. Ich rede nicht von ein paar wenigen, die aus Unwissenheit ihren Pferden schaden, sondern von einem Großteil der Freizeitreiter. Von daher ist es dringend notwendig, die Ausbildung von Reitern zu verbessern!

Mir ist bewusst, dass sich die Umsetzung hin zu einem breitgefächerten Unterricht sehr schwierig ist, dennoch sollten wir uns bemühen, das System zum Wohl des Pferdes zu ändern. Ansonsten sollten wir Reitschulen in Zukunft eher wieder Tattersalbetriebe nennen, denn nichts anderes sind sie bisher. Der Reiter zahlt eine Leihgebühr für das Pferd und der Reitlehrer beobachtet das Reitgeschehen. Nun wie können wir die Situation ändern.

Dass die Umsetzung zu einem besseren Reitunterricht sich schon aus finanziellen Mitteln als schwierig erweist, liegt auf der Hand. Bedenkt man, dass die Reitstunde zwischen 10.-E bis 15.-E liegt, kann ein Gewinn nur durch die Masse an Schülern in einer Stunde erzielt werden. Dadurch leidet aber wieder der Unterricht. Um den Gewinn über die Masse zu erreichen, werden auch die Longestunden wesentlich früher eingestellt, als es für Pferd und Reiter sinnvoll ist. Sobald der Reiter den Takt beim Leichttraben einigermaßen beherrscht, wird er in die Reitstunde entlassen. Und ist nun völlig überfordert! Bei mehreren Reitern kann der Reitlehrer einfach nicht mehr auf den einzelnen eingehen. Obwohl in der Reitlehre von weicher Verbindung zum Pferdemaul gesprochen wird (den Kopf des Pferdes stets vor der Senkrechten), werden die meisten Pferde wie in einen Schraubstock zwischen den Zügeln eingeklemmt. Um dem Druck zu entgehen, rollen sie sich auf oder werden undurchlässig. Selbst wenn der Reitlehrer dies weiß, so bleibt ihm keine Zeit für lange Erklärungen, da mehrere Schulpferde mit Anfängern auf dem Rücken einfach funktionieren müssen. Deshalb kommt wahrscheinlich immer wieder der Spruch "Zügel kurz". Was eine Parade, Stellung etc. ist, bleibt für die Reiter bis auf weiteres ein Rätsel. Wie wenige Reitlehrer nehmen sich Zeit, wenn sie es überhaupt selbst wissen, den Reitern das Umsitzen bei der einfachen Schlangenlinie zu erklären?
Mir ist es wichtig, dass beim Satteln grundsätzlich eine qualifizierte Person hilft.

Damit das Satteln nicht in einem Hauruckverfahren geschieht, ist es schon deshalb wichtig, dass max. vier Schulpferde im Unterricht mitlaufen. Die Person kann der Pferdpfleger oder Lehrling sein, der bei den Reitstunden mithilft. Theoriestunden, die zu Anfang im wesentlichen die praktischen Dinge beinhalten wie Putzen, Satteln, Führen eines Pferdes, Ausmisten, Lederpflege, Hufpflege etc., sollten einmal wöchentlich in kleinen Gruppen solange geübt werden, bis ein Lernerfolg zu sehen ist. Auch für Reiter, die schon länger im Schulunterricht reiten, können so ihre Fähigkeiten überprüfen. Ein zusätzlicher Theoretischer Unterricht, ca. einmal im Monat für alle, auch die Privatpferdebesitzer, wäre sinnvoll. Der Theorieunterricht für Anfänger kann auch von einer Reiterin übernommen werden, die sich in diesem Bereich gut auskennt. Auch hier ist es so, dass jeder Reitstall eine "Tüddeltante" hat, die vor lauter Pferd putzen, Lederzeug fetten etc. kaum noch Zeit zum Reiten findet. Diese Person ist bestimmt bereit den Theorieunterricht zu übernehmen. Im Gegenzug könnte sie Einzelunterricht oder ähnliches vom Reitlehrer bekommen, so dass dem Reitverein keine gravierenden Kosten entstehen. Ich bemerke gerade, dass ich mich im weitesten Sinne dafür entschuldige, dass für die Theoriestunden Kosten entstehen könnten. Das System ist so eingefahren, dass man sich einen umfassenden Unterricht schon gar nicht mehr vorstellen kann. Aber gerade der Unterricht um das Pferd herum ist für die Gesunderhaltung des Pferdes und den Reiter von enormer Bedeutung. Nun werden Sie sagen, wir haben schon öfter mal Seminare angeboten und das Interesse war sehr gering. Gut, dieses Phänomen musste ich selbst schon miterleben. Aber es geht hier nicht um außergewöhnliche Seminare, die - den Dozenten entsprechend - der einzelne Teilnehmer zahlen muss, sondern um Theorieunterricht der zum Reitunterricht dazugehört und nicht getrennt werden kann. Von daher ist jeder Reiter, der am praktischen Unterricht teilnimmt, auch dazu verpflichtet am Theorieunterricht teilzunehmen. Und wenn der Reiter seine praktischen Fähigkeiten in einem lockeren und qualifizierten guten Unterricht vertiefen kann, wird er ihn bestimmt auch gerne wahrnehmen. Da die FN, wie zu Anfang zu lesen ist, auch den mangelnden Sachverstand bemerkt hat, habe ich immer noch die Hoffnung, dass sich in Zukunft die Ausbildung in den Vereinen verbessern wird, und zwar im Bereich Pferdepflege und Haltung.

Die Seminarreihe mit Herrn Hess ist für ein paar Jugendliche, die von den Eltern unterstützt werden, sicher interessant, hat aber für die allgemeine Reitausbildung keinen Stellenwert. Aber auch hier bei den Jugendlichen, die mit ihrem eigenen Pferd, an einem hochqualifizierten Lehrgang teilnehmen dürfen, kann ich Ihnen sagen, dass viele der Jugendlichen zwar einige wenige technische Griffe am Pferd beherrschen, aber kein fundiertes Wissen vorweisen können, und dem Sportgerät Pferd wenig Einfühlungsvermögen entgegenbringen. Wie sollten sie auch, denn ihr Reitunterricht fing, wie bei den anderen Kindern auch, auf dem Pferd an und die Basis fehlte. Manche haben das Glück von ihren Eltern, die selbst Turnierreiter sind, zu lernen.

Fazit: Der Reitunterricht sollte am Boden anfangen und nicht auf dem Pferd.

Für fortgeschrittene Reiter sollte sich der Theorieunterricht auch auf die Erziehung des Pferdes im Allgemeinen und die Grundbegriffe der Psychologie erstrecken.
Viele Pferdebesitzer haben nämlich erheblich mehr Probleme, ihre Pferde gewaltfrei zu erziehen, z.B. beim Führen etc., als beim Reiten. Würde man hier generell mehr Unterricht anbieten, würden auch weniger Reiter zu den sogenannten Pferdeflüsterern überspringen, und den Pferden bliebe einiges erspart. Die Unterrichtsart, die ich fordere, setzt dann aber auch einen qualifizierten Reitlehrer voraus, der mehr kann, als das Lehren von Lektionen.

<< Einmal Wöchentlich? |